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Expertenbefragung

FRACKMANN definiert eine Expertenbefragung als "eine ermittelnde Befragung, bei der sich die Befragungsperson durch einschlägiges Wissen auszeichnet und Zielobjekt der Informationsbeschaffung ist" (1980, 34).

Expertenbefragung

Manfred Hübner & Michael Koch

Institut für Ökonomische Bildung
Institut für Ökonomische Bildung

1. Verlaufstruktur des Lernprozesses

In Anlehnung an KAISER/KAMINSKI (1999, 305 ff.) lässt sich die Verlaufsstruktur wie folgt darstellen:

 

(1) Vorbereitung

VorbereitungIm Vorfeld sind Absprachen über Ziele und Durchführung der Befragung zu treffen. Für die Befragung, die entweder in der Schule oder am Wirkungsort des Experten (z. B. Unternehmen) stattfinden kann, werden Fragen ausgearbeitet, Aufgabenverteilung und Arbeitstechniken festgelegt sowie die Interviewtechnik für die Befragung ausgewählt.

 

(2) Durchführung

DurchführungDie Expertenbefragung kann je nach Themenbereich mit einem Experten oder auch mit mehreren Interessenvertretern durchgeführt werden. Neben der Befragung, bei deren Durchführung eine spätere Präsentation der Ergebnisse u. U. schon vorbereitet werden (z. B. durch Fotos, Videorecorder, Tonband) muss, können die Sachverständigen auch direkt in unterrichtliche Aktivitäten - bspw. die Durchführung eines Rollenspiels - eingebunden werden.

 

(3) Auswertung

AuswertungNotizen und Aufzeichnungen werden in Reinschrift gebracht und zusammengefasst. Mögliche Fragestellungen für eine differenzierte Auswertung:
- Welche objektiven Sachinformationen wurden gegeben?
- Welche Aussagen waren personen- bzw. interessengeleitet?
- Welche Aussagen stellen die subjektive Meinung des Experten dar?


Die Ergebnisse der Befragung werden diskutiert und möglicherweise präsentiert, z. B. in Form einer Dokumentation, Web-Seite, eines Beitrags in der Schülerzeitung und schließlich in den unterrichtlichen Zusammenhang eingebettet. Nachfolgende Abbildung veranschaulicht das Gesagte:

Verlaufsstruktur

Abb. 1: Ablaufdiagramm Expertenbefragung

 

2. Varianten der Expertenbefragung

Man kann verschiedene Varianten des Experteneinsatzes im Unterricht unterscheiden. So kann die Expertin bzw. der Experte von den Schülerinnen und Schülern befragt werden, sie bzw. er kann in diesem Zusammenhang ein Referat halten, es ist aber auch denkbar, dass eine Einbindung in weitere Unterrichtaktivitäten (beispielsweise Teilnahme an einem Rollenspiel) stattfindet. In der Folge wollen wir uns auf die klassische Expertenbefragung konzentrieren, wobei man grundsätzlich zwischen

  • derjenigen, die am Wirkungsort der Expertin bzw. des Experten, also außerhalb der Schule stattfindet und
  • derjenigen, zu der die Expertin bzw. der Experte in die Schule kommt,

unterscheidet. Die erste Variante wird oft im Zusammenhang mit einer Erkundung durchgeführt. Im Falle der zweiten Variante spricht man von einer Expertenbefragung "im engeren Sinne".

  

3. Didaktische Funktionen und Interviewtechniken

3.1 Didaktische Funktionen

Grundsätzlich lassen sich drei didaktische Funktionen von Expertenbefragungen unterscheiden (WOLF 1991, 47):

  • Wissensvermittlung
    Die Schülerinnen und Schüler erhalten sachkundige Informationen.
  • Motivation
    Die Einbeziehung von Expertinnen und Experten ist dazu geeignet, das Interesse der Schülerinnen und Schüler am Unterrichtsstoff zu verstärken.
  • Übung praktischer Erfahrungen
    Neben dem Wissenserwerb trainieren die Schülerinnen und Schüler z. B. sachgerechtes Informationsverhalten.

Nimmt man die organisatorischen Vorzüge der Expertenbefragung hinzu - sie stellt eine Form von Realbegegnung mit dem geringsten organisatorischen Aufwand dar -, so wird die besondere Attraktivität dieses methodischen Zugangs noch einmal besonders deutlich.

 

3.2 Interviewtechniken

Zur Befragung einer Expertin bzw. eines Experten stehen grundsätzlich drei verschiedene Interviewtechniken zur Verfügung, die im Folgenden mit ihren wesentlichen Charakteristika kurz vorgestellt werden.

(1) Strukturiertes Interview

Die Reihenfolge und die Formulierungen der Fragen werden präzise festgelegt, Gleiches gilt für die Festlegung der die Befragung durchführenden Personen. Dadurch wird der planmäßige Verlauf des Interviews gesichert, eine Vertiefung bzw. Ausweitung des Interviews ist allerdings kaum bzw. nicht möglich.

 

(2) Teilstrukturiertes Interview

Die Reihenfolge und die wesentlichen Inhalte der Fragen werden in Form eines Leitfadens festgelegt. Die endgültigen Formulierungen und die Reihenfolge der Fragen können dann der konkreten Situation entsprechend flexibel angepasst werden.

 

(3) Unstrukturiertes Interview

Es wird nur das Ziel der Befragung festgelegt, die Formulierungen und die Bestimmung der Reihenfolge der Fragen erfolgen im Verlauf der Befragung. Dies eröffnet die Möglichkeit, dass Diskussionen entstehen, in deren Rahmen zusätzliche Informationen vermittelt werden. Allerdings ist bei dieser Form der Befragung die Gefahr relativ groß, dass im Verlauf des Gesprächs von der eigentlichen Zielsetzung abgewichen wird.

 

Die Entscheidung, welche der genannten Interviewtechniken eingesetzt wird, hängt von zwei Faktoren ab (FRACKMANN 1980, 34):

  • der Kompetenz der Schülerinnen und Schüler
    Hier spielen insbesondere der Kenntnisstand über den zu erfragenden Sachverhalt (inhaltliche Kompetenz), die Fähigkeit zur gezielten Fragestellung und kontrollierten Gesprächsführung (Sprachkompetenz) und die Fähigkeit zu geplanter Vorgehensweise (Methodenkompetenz) eine wesentliche Rolle.
  • der didaktischen Funktion der Befragung im unterrichtlichen Gesamtzusammenhang
    Es stellt sich die Frage, ob Sachverhalte gezielt abgefragt oder vorhandene Erkenntnisse vertieft bzw. erweitert werden sollen.

Selbstverständlich sind auch die Kompetenzen und Bedürfnisse der Expertin bzw. des Experten bei der Wahl der Interviewtechnik zu berücksichtigen. Darüber hinaus können konkrete Formen der Befragungen aus technischen Gründen die Wahl einer bestimmten Interviewtechnik erforderlich machen. Beispielsweise ist z. B. davon auszugehen, dass Befragungen via Email i. d. R.  eine geschlossene Form vorweisen.

Grundsätzlich gilt als ein wesentliches didaktisches Ziel der Befragungen "die Fragekapazität der Schüler graduell so zu entwickeln, dass gewonnene Informationen jeweils die sachliche und inhaltliche Basis für neue, nach Möglichkeit selbständige Informationsnachfrage bilden." (FRACKMANN 1980, 34)

Im Rahmen der Auseinandersetzung mit komplexen ökonomischen Sachverhalten gewinnt Expertenwissen zunehmend an Bedeutung. Damit werden Befragungen von und Interviews mit entsprechenden Expertinnen und Experten zu wesentlichen Instrumenten der Informationsbeschaffung. Unter dem Begriff Expertenbefragung lassen sich grundsätzlich alle Formen von Informationsprozessen zusammenfassen, in denen Fachleute aus der Wirtschaftswelt Schülerinnen und Schülern Auskünfte erteilen. Die Tatsache, dass dieser methodische Zugang im Vergleich zur Erkundung bzw. zum Betriebspraktikum i. d. R. wesentlich weniger organisatorischen Aufwand erfordert, stellt den hohen Nutzenwert von Expertenbefragungen zur Veranschaulichung ökonomischer Sachverhalte dabei nicht in Frage.

FRACKMANN definiert eine Expertenbefragung als "eine ermittelnde Befragung, bei der sich die Befragungsperson durch einschlägiges Wissen auszeichnet und Zielobjekt der Informationsbeschaffung ist" (1980, 34). Damit wird eine erste Definition eines Experten geliefert. Grundsätzlich ließe sich der Begriff durch die Begriffe "Sachverständiger", "Kenner" oder "Fachmann" ersetzen. Bei der Auswahl einer Expertin bzw. eines Experten zwecks Befragung im unterrichtlichen Zusammenhang sollte jedoch von einer zu stark eingegrenzten Definition abgesehen werden. Die Wahl hängt von der fachlichen Kompetenz, nicht vom Grad der Professionalität ab. "Experte bedeutet in diesem Zusammenhang [...] schlicht, dass jemand in den Unterricht kommt, der über seine Tätigkeit, seinen Arbeitsalltag berichtet und so gesehen im Wirtschaftunterricht zum Fachmann für die Praxis wird. Ein überhöht gewerteter Expertenbegriff sollte daher nicht zur Barriere für die Unterrichtspraxis werden." (WOLF 1991, 46)

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